Montag, 6. April 2026

Die heitere Bullshit-Parade: was brauche ich wirklich?

Eigentlich eine gute Frage, die aber in Haarforen gern mit ALLES! UND ZWAR TEUER! zusammengefasst werden könnte - und zwar nicht aus Böswilligkeit der User*innen, im Gegenteil. 

Was braucht man/frau also als Newbie-Langhaar?

Dringend brauchst du etwas zum Reinigen, etwas zum Entwirren und etwas zum Frisieren, für die Instandhaltung außerdem eine Haarschere - ohne Witz, denn Spliss ist 1. nicht reparabel, egal was die Kosmetikindustrie behauptet und 2. reduzier-, aber nicht verhinderbar.

Zum Reinigen gibt's zig Methoden, die hierzulande gebräuchlichste ist flüssiges Shampoo. Aber auch Haarseife, Shampoo bars, Roggenmehl, Waschkräuter sind verbreitete und bewährte Methoden.
Solltest du eher wenig fettende Kopfhaut haben, reichen vielleicht sogar Wasser undoder die mechanische Reinigung mit der Wildschweinborstenbürste.
Etwas zum Pflegen nach dem Reinigen ist eine gute Idee, dazu eignen sich Conditioner, Öle, Haarcremes...

Zum Entwirren gibt es verschiedene Kamm- und Bürstenarten.
Achte hierbei auf gute Verarbeitung und darauf, dass das Teil für deinen Haartyp und deine Haarmenge geeignet ist; feine glatte Haare brauchen eine feinere Zahnung als eine Afromähne, dickes Haar längere und steifere Borsten als dünnes.

Zu Haarschmuck habe ich bereits mehrfach was geschrieben - am Anfang reichen ein vernünftiger großer Haarkrebs, Bobby Pins, ein oder zwei Haarstäbe, Haarnadeln und Zopfgummis in verschiedenen Größen. 
Kauft keine mit Metallhülse, die reißen an der Verbindungsstelle und rupfen gern mal Haare aus.

Haarschneidescheren gibt es für relativ wenig Geld in der Drogerie und erschreckend viel Geld (aber auch superguter Qualität) im Friseurbedarf. Welche ihr euch gönnt, überlasse ich euch. Aber für den Preis einer Profischere kann sich das normale Langhaar jahrelang vom Friseur die Spitzen schneiden lassen. 
Was ich damit sagen will: ihr braucht das gute Stück alle paar Monate mal für ein paar Minuten, da muss es eventuell nicht das selbe Modell sein, dass der Profi zehn Jahre lang jeden Tag acht Stunden lang in der Hand hat. 🙃

Was man nicht unbedingt braucht, aber nett zu haben ist:
- extragroße Haarturbanhandtücher. Gibt's online bei etsy.
- ein Satin- oder Seidenkopfkissenbezug, alternativ ein Nachthäubchen. Die glatte Stoffstruktur ist sanft zur Haarstruktur und kann insbesondere für lockiges Haar einen großen Unterschied machen. 
- ein anständiger Kaltluftföhn. Richtig benutzt ist ein Kaltluftföhn nicht schlecht fürs Haar, und Föhnen geht einfach schneller als Lufttrocknenlassen.
- Gedöns für no heat waves/curls, wenn man sich gern Locken und Wellen machen mag. 

Was man nicht braucht:
- irgendwelche Haarvitamine. Meist schaden die nicht, nützen aber auch nicht, die machen nur euer Pipi gehaltvoller. Wenn euer Hausarzt, eure Hausärztin nirgendwo einen Mangel feststellt, muss nichts eingeworfen werden, um das auszugleichen 😉
- Elektronikchichi wie den Splisstrimmer.
- Haarparfum. Zumindest nicht, wenn ihr schon "normales" tragt. 

Montag, 23. März 2026

Buchkritik: Anna Strigl, "Annas Haircare Hacks"

 Eckdaten

- Erschienen 2023 bei edition a
- ISBN 978-3990-016572
- Preis Hardcoverbuch 25,00 €, Kindle 17,99 €
- Printausgabe: 208 Seiten


Autorin

Anna Strigl ist TikTokerin, außerdem bei YouTube und Instagram aktiv.
Ihr Content scheint sich um Beauty, "Realtalk" (?) und zielgruppenrelevante Themen zu drehen, und ich fürchte, ich bin zu alt für sowas. Was nicht gegen Anna Strigl spricht ☝️
Ferner ist sie wohl auch Reality-TV-Sternchen 
Ihre Qualifikation? Anna hat schöne Haare (hat sie wirklich) und ihre Omi war Friseurin.


Inhalt

Wäre ich garstig würde ich sagen: googelt "natürliche Haarpflege, überfliegt die ersten 3-5 Ergebnisse, und zack! habt ihr 25 € gespart.

Aber ich habe heute gute Laune, daher gibts einen anständigen Verriss.

Aaaaalso!
Anna Strigl erzählt zu Beginn, wie und warum sie zu natürlicher und nachhaltiger Haarpflege gekommen ist.
So weit so gut, dann erklärt sie ihren Ansatz zur ganzheitlichen Haarpflege.
Der ist auch grundsätzlich nicht verkehrt, mens sana in corpore sano und so.

Alles danach kann man sich dann allerdings schenken - die Pflegerezepte im Buch sind alles kalter Kaffee (Apfelessig anyone?) oder kompletter Bullshit (dunkle Haare werden dunkelbrauner, wenn man Schokolade!!! stampft, mit Joghurt und Apfelessig verrührt und sich das als Packung auf den Kopf schmiert), gekaufte Kosmetik ist der Teufel mit Himbeertörtchenduft und enthält praktisch immer Silikone, Parabene und redet schlecht über deine Mutter (auch gekaufte NK ist eine ganz miese Type)...

Man muss übrigens auch nicht zum Arzt, einfach NEM einwerfen, das passt schon so.

Als einzige Waschmethode steht Roggenpampe drin - keine Seife, kein Kastaniensud, kein Schmierseifenshampoo nach Stephanie Faber. Nur Roggenmehlkleister.
Gespült wird mit Apfelessig, und vorm Waschen darf gern Arganöl ins Haar.
Leinsamengel ist übrigens auch schön als Packung, eine vollkommen neue Erkenntnis.

Dafür 208 Seiten?

Aber nein!
Es gibt auch einen Frisurenteil (mit QR-Codes statt Fotos, was bei 25 € eine schiere Unverschämtheit ist) mit dem Highlight Sellerielocken (dafür wickelt ihr eure angefeuchteten Haare um Staudensellerie. Hihihi, die Anna ey, soooo cute und random 🙄) und einen Färbeteil, den man direkt aus dem Buch reißen und zum Arsch abwischen benutzen sollte.
Hier finden sich Zitronensaft plus Sonne zum Blondieren (schädigt das Haar), Beerenmus für rosa Strähnchen und gestampfte Schokolade.

Auch das Kapitel "Haircare from around the World" ist nicht sonderlich aufregend, ihr werdet bei den drei (!!!) Rezepten nichts Spannendes finden.

Fazit: würde man alles, was in diesem Buch an brauchbarer Information steht, für einen Haarpflegenoob zusammenfassen, könnte man das ruhig handschriftlich tun. 5 DinA4-Blätter sollten dazu reichen.
Und leider schreibt Anna Strigl nicht besonders originell oder lustig, was ein mäßig beschissenes Haarpflegebuch aufwerten könnte - für mich ist das ein Versuch, der Autorin 15 Minuten Ruhm noch ein wenig zu melken.
Die 25 Ocken kann man lieber versaufen. 

Montag, 9. März 2026

Buchkritik: George Micheal, "Haargeheimnisse. Schönes Haar auch für Sie"

 Eckdaten

- Erschienen im Original (Secrets for Beautiful Hair) 1981, deutschsprachige Ausgabe 1994

- ISBN der deutschsprachigen Ausgabe 3-926453-65-6
- nur noch gebraucht erhältlich, amerikanische Ausgabe dabei irrsinnig teuer, die deutschsprachige zum Preis einer Fernsehzeitung zu bekommen (Amazon)


Autor

George Michael scheint eine schillernde Figur gewesen zu sein, was man davon halten soll... nun ja.
Die Netzwerker haben sich hier schon kundig und unterhaltsam an dem guten Mann abgearbeitet (plus Bonustroll und George-Michael-Fangirl).

Ich fasse die 12 Seiten mal zusammen:
George Michael wurde in Sankt Petersburg geboren, als Sohn wohlhabender Eltern.
Er studierte Medizin und promovierte als 23jähriger über das Thema "Haare" - und zwar mitten während des WWII.
In einer besetzten Stadt.
Als gesunder junger Kerl. *hust*

Natürlich hat man während des WWII in Russland alles ins Militär gezerrt, was noch halbwegs kriechen konnte, außer Medizinern, die an so enorm wichtigen und akut kriegsrelevanten Themen forschen wie "Haare".
WieWerWasWieso genau mit Haaren konnte ich nirgendwo finden - ob damit was aufgesogen, abgedichtet oder zu Sprengstoff oder Giftgas verkocht werden sollte oder ob Georgy-Porgy doch eher an neuen innovativen Formen der Duttologie und Flechtistik mit Schwerpunkt Zopfgummis-ohne-Metallhülse geforscht hat?
Wir werden es nie erfahren, da es wohl auch keine Unterlagen zu seiner Forschung und seiner Doktorarbeit gibt *husthust*

George Michael hat also seinen Doktortitel der Medizin in sehr jungem Alter und trotz Krieg bekommen, mit einer Doktorarbeit über Haare, bevor er in die USA ausgewandert ist.
Dort hat er als Hausarzt Dermatologe Krankenpfleger Friseur gearbeitet.

Ist es wahrscheinlich, dass jemand, der intelligent, stur und gerissen genug ist, mitten im WWII herrlich und in Freuden in seinem Elfenbeinturm zu sitzen und über Scheißdreck wie Haare zu forschen, wenn um ihn herum alles zurück ins Mittelalter gebombt wird, in die US of A auswandert - und dort zu schluffig ist, sich seinen Doktortitel und seine Abschlüsse anerkennen zu lassen? *husthusthust*

Als Friseur etablierte sich George Michael dann als "Langhaarpapst" und Coiffeur der Reichen und Schönen, jedenfalls versucht er, diesen Eindruck durch konstantes und überhaupt nicht nerviges Name dropping zu erwecken *husthusthusthust*


Inhalt

Heute wird es schlimm, wir werden sehr lachen, uns sehr wundern und eventuell brauchen wir auch noch eine Kotztüte.
Das Buch ist eine Werbung für GM-Friseure und GM-Produkte, abgerundet mit Name dropping und reichlich hanebüchenem Bullshit, dazwischen wenige brauchbare und altbekannte Tipps wie Haare sanft behandeln und auch sehr lange Haare ab und an ein wenig trimmen.

Kleines Worst of GM gefällig?
- bei Toten wachsen Haare und Fingernägel weiter.
- je länger das Haar, desto weniger Haare fallen aus. Laut Autor fallen bei bodenlangem Haar nur zwei Haare täglich aus.
- Stufenschnitte und Ponys verursachen Haarausfall.
- SchiDrü-Probleme machen supidupi Haare, die fünfzehn!!! cm im Monat wachsen. (NOPE)
- Dunkelhaarige werden früher kahl.
- Emanzipation und Karriere lassen Frauen männerartigen HA bekommen; des Autors Frauenbild ist eh mindestens seltsam. Dazu später mehr.
- Holzhaarnadeln (=Stäbe, Forken) sind des Teufels, verletzen euch und machen hässliche Haare. Nur Steckkämme sind gut, und zufällig verkaufte George Michael ebendiese für sehr gutes Geld *husthustHUSThusthust*
- Handwerker haben besseres, dichteres Haar als Leute, die mit dem Kopf arbeiten #mussmanwissen
- die Urmenschen haben angefangen, Fleisch zu essen, weil bei Waldbränden verbrannte Tiere so lecker rochen.
- am Ende des WWII sahen alle super aus und hatten tolles Haar, weil sie soviel Salat gegessen haben.
- graue Haare entstehen durch Vitaminmangel.
- Selbstgerührtes pfui, GM-Shampoos hui. *mein Gott, dieser Husten bringt mich noch um*
- Henna ist auch böse, chemische Haarfarben sind sicher (ähemmmmmm... das Buch erschien '81. Hat sich die Rezeptur von Haarfarben seit 1981 radikal verschlechtert? 1996 haben sie jedenfalls mehr gestunken als heute, deswegen tippe ich stark auf "nein".)
- Einheitliche Haarlänge/Pottschnitt XXL ist das einzig Wahre für dichtes, langes Haar, denn sonst fallen die Haare aus; insbesondere Ponys und Stufen machen kurzes und dünnes Haar. *aaaargh, dieser Husten  *
- George Michael trommelt nicht nur extrem für seine Produkte, sondern auch für den Flip-Haarschnitt; der ist nicht, wie man von einem LANGHAARpapst erwarten könnte, ein stumpfer Haarschnitt ala King Kong, Bodenlänge, leicht getrimmt an Händen und Fußknöcheln, sondern ein knapp schulterlanger, 1981 schon muttihafter Haarschnitt mit Außenwelle.

Das Frauenbild des Autors lässt sich im Grunde runterbrechen auf "zerbrecht euch nicht eure hübschen Köpfchen und achtet darauf, fickbar zu bleiben, alles andere beleidigt das männliche Auge."

Weils so schön behämmert ist, möchte ich die Geschichte von der gebürsteten (bwahaha) Bäuerin zitieren:
"Stellen Sie sich eine arme, abgearbeitete Bäuerin vor und denken Sie an ihren Tagesablauf.
Nach dem Aufwachen beim Morgengrauen fachte sie das Feuer an, holte Wasser und fütterte das Vieh.
Dann weckte sie ihren Mann und bereitete sein Frühstück.

Sie hatte immer noch keine Zeit, ihr Haar zu bürsten, geschweige denn zu kämmen.
Gewöhnlich steckte sie es einfach auf ihrem Kopf mit einigen Hühnerknochen zu einem Knoten zusammen, nur um es aus dem Weg zu haben.

Nach dem Frühstück putzte sie das Haus, machte die Betten, kümmerte sich um den Garten und bereitete das Mittagessen; dann marschierte sie zwei oder drei Kilometer aufs Feld, um dort ihren Mann zu treffen.
Immer noch keine Zeit, viele Umstände um ihr Haar zu machen.

Nach dem Mittagessen weitere Arbeiten im Haus, die Vorbereitungen des Abendessens; mag sein, dass sie schnell ihr Haar ein wenig attraktiver stecken konnte.
Ihr Mann kam nach Hause, aß sein Abendbrot, war erschöpft von einem langen Tag auf dem Feld und schlief - ohne Fernsehen zu Ablenkung - einfach ein.

Nun wünschte sich seine Frau, ungefähr zehn Jahre jünger als er und deshalb mit wesentlich mehr Energie ausgestattet, ein bisschen Aufmerksamkeit und Liebe - und da schlief er.
So setzte sie sich also vor ihre Kommode (gewöhnlich der einzige richtige Spiegel im ganzen Haus neben dem kleinen, mit dem er sich zu rasieren pflegte) und löste ihr Haar.

Endlich hatte sie Zeit, es auszubürsten, und sie befolgte die Anweisung von den hundert Strichen, die ihr ihre Großmutter in der zeiterprobten Haarpflege-Traditon empfohlen hatte.
Danach fühlte sie sich wahrscheinlich sexy, und so schaute sie ihren Mann an, der, obwohl er schlief, ihren Blick fühlte.
Er wachte auf, war angetan von der prächtigen, wallenden Haarmähne und schlief mit ihr.
Was für ein glückliches Ende eines trüben und anstrengenden Tages!"


Ich habe mir erlaubt, Absätze einzufügen, da der originale Fließtext weniger angenehm zu lesen ist (finde ich).

Eklig wirds gen Ende, wenn er über Kinderhaare fabuliert.
Auch hier zitiere ich:
"Mary-Ellen andererseits ist mit der Seele einer "femme fatale" auf die Welt gekommen; das wird offensichtlich im Alter von zwei Jahren, wenn sie lernt, mit den Wimpern zu klimpern.
Sie möchte Haar, das sie schwingen und werfen kann, um alle Jungs in der Kindergartengruppe zu betören."


Über die Bäuerin, die ihre Haare bürstet, damit ihr Gatte dann sie bürstet, kann man noch lachen; bei Mary-Ellen bleibt mir das Lachen im Halse stecken.
Wenn ihr immer schon mal wissen wolltet, was Frühsexualisierung ist: das hier.
Das hier, und nicht etwa, Grundschülern zu erzählen, wo Babies herkommen. 


Fazit: eine unglaubliche Menge wirklich bekloppter Unfug, dazwischen Werbung.