Vielleicht ist das kein Thema, dass jüngere Lesende hier, bewusst gegendert, weil Schminke für alle ist, vertraut ist.
Aber das Thema kam beim Kaffeetrinken mit einer ebenfalls schminkaffinen Freundin auf, und wir sind überein gekommen, dass einige OG Beautygurus und Markengründer der 2010er schwerst problematisch waren und sind.
Anno tobak sah es in den Drogerien noch etwas anders aus, alles war etwas betulicher, während auf YouTube grade Matte Liquid Lipsticks, winged liner und cut creases gehyped wurden.
Ehrlich gesagt bin ich nach wie vor ein Fan des Augenmakeups, aber den bröselnden Lippentünchen weine ich keine Träne nach.
Online sah man sich Leute mit coolem Look und tatsächlich vorhandenen Skills an, vor Ort gabs dann die gleichen Farben, mit denen sich auch Mutti und Omi schminkten, alles ein bisschen langweilig für alternative Personen - als Goth, Punk, Emo, Raver, Club kid gab es schlicht wenig bis keine Auswahl.
Heute lässt sich im Rossmann oder dm jeder Kleinstadt problemlos ein Basiskit zusammenstellen, wenn man vom Foundationproblem absieht, aber damals eben nicht.
Einige der erfolgreicheren Blogger und YouTuber im Bereich Alternative Makeup waren dann clever genug, selbst produzieren zu lassen und ihre Brand zu vermarkten - Doe Deere hatte Lippenstifte in ungewöhnlichen Farben, mit gutem Tragegefühl und einen Look der heute unter whimsy oder Fairycore fallen würde, Jeffree Starr brüllend bunten Lidschatten für die Club Kids, Kat von D war die personifizierte Coolness, Tätowiererin mit rockigem Look und alle von denen verstanden ihr Handwerk, handwerklich und in punkto PR.
Doe Deere gründete irgendwann LimeCrime, und ich hatte zwei ihrer Lippenstifte, ein wirklich tolles Dunkelrot und ein tolles Grau mit leichtem Stich ins Fliedrige.
Dann kamen die Liquid Lipsticks, die abgekultet worden, als gäbs kein Morgen mehr, verschiedene Lidschattenpaletten... und dann gings bergab.
Eine mit einem karnevalig auf Geisha geschminktem weißen Model beworbene Palette namens China Girl wurde, zurecht, heftig kritisiert.
Angedacht war bestimmt ein lustiges 🫤 Wortspiel mit China girl = Porzellanpüppchen und China girl = Chinesin, jedenfalls hoffe ich das... ein leider unausrottbares rassistisches Trope seit der Stummfilmzeit ist neben der mächtigen und unbarmherzigen Dragonlady nämlich das...? Genau, das sanfte, naive China Girl, das vom white savior gerettet werden muss. Oder stirbt. Ich hoffe, dieses eklige alte Trope war nicht beabsichtigt.
Dann gab es ein Sicherheitsproblem mit LimeCrimes Website, das über Monate Ärger einbrachte, und schließlich fiel Doe selbst in Ungnade, als ein Foto von ihr, verkleidet als Adolf Hitler, auftauchte.
Sie trat vom Firmenvorsitz zurück, und seitdem ist es recht ruhig um LimeCrime geworden.
LimeCrime verkauft mittlerweile nur noch Haarfarbe, kein Makeup mehr.
Jeffree Starr war von Anfang an schrill, bitchy, over the top tuckig und das war - in Ordnung. Es wirkte, zu diesem Zeitpunkt an dieser Person authentisch.
Jeffree hatte bei aller Bitchiness und Überzogenheit ein solides Talent und ein gutes Händchen dabei, Lidschattenpaletten zusammenzustellen, die nicht einfach nur BUNT waren, sondern auch qualitativ hochwertig und die tatsächlich in sich stimmig waren und funktionierten - man konnte aus jeder Palette problemlos eine Reihe von Looks basteln.
Jede neue Palette war was, auf das man sich freute.
Jeffree reviewte auch fleißig, und ehrlich, andere Brands, und nunja, das finde ich bis heute gut - ein Produkt in die Hand zu nehmen und zu sagen, "ich mag die Marke nicht, aber das Produkt ist super".
Jeffree, heftig tätowiert und androgyn, war mit Kat von D befreundet, und man pushte sich gegenseitig.
Och wat nett, was hasse da denn gegen?
Nix. Aber diese Freundschaft ging wegen Jeffrees problematischen Verhalten, unbezahlter Rechnungen undundund lautstark, schmutzig und sehr öffentlich über die Bühne.
Dazu tauchten immer wieder rassistische und misogyne Aussagen Jeffrees auf, die zwar in feinstem PR-Sprech entschuldigt wurden, aber hmmmm, wenn dir regelmäßig verbale Widerlichkeiten passieren, dann bringt auch die schönste Entschuldigung irgendwann nichts mehr.
Jeffree Star fiel immer und immer wieder extrem unangenehm auf, dann gab's noch albernstes Soap opera-Theater mit Laura Lee, MannyMua und Nikita Dragun (kennt ihr nicht? Ihr habt nichts verpasst.), während gleichzeitig Jeffree sein Alleinstellungsmerkmal durch Wohlstandsverwahrlosung, langweiligen Content und immer beliebigere Produkte verlor.
Die Produkte sind durchweg qualitativ gut.
Nur sollte man sich überlegen, ob man jemand, der schwarze Frauen mit Gorillas verglichen hat, wirklich seine sauer verdienten Kröten geben will.
Kat von D, was ist mit der?
Äh, ja... sie war Tätowiererin, in zwei Fernsehserien (Miami Ink und LA Ink) zu sehen, und man fand die Frau einfach toll: sie war eine gute Tätowiererin, sah extrem gut aus, spielte als Hobby Klavier und war auch in punkto Makeup mit Geschick und Geschmack ausgestattet.
Ihr Tattoo Liner war absoluter Kult, ihre Lippenstifte Bestseller - die Farbrange war genial und passte genau zu Kats Image.
Nach dem öffentlichen Krawall mit Jeffree Star hätte man eigentlich auf ihrer Seite sein müssen.
Hätte.
Denn Katherine von Drachenberg war selbst nicht viel besser als ihr ehemaliger Freund... Kat schrieb nach ihrer Kündigung bei Miami Ink dem jüdischen Studioinhaber eine antisemitische Notiz, fiel wegen den Lippenstiftnamen Selektion, Underage Red und Celebutard gleich auf drei verschiedenen Ebenen unangenehm auf - Selektion hatte KZ-Anklänge, erst Recht nach der "burn in hell jewbag"-Notiz, Underage Red muss ich denke ich nicht erklären, und das Portmanteau Celebutard enthält Retard, eine ableistische Vokabel.
Mimimi, der Wokeismus frisst uns alle?
Nee, der war seinerzeit noch nicht erfunden, aber auch Edginess hat irgendwo ihre Grenzen.
Irgendwann wurde es schlicht soviel, dass Kat die Marke verkaufte, und seitdem ist es um Kat von D Beauty bzw KVD Vegan Beauty auch recht ruhig geworden.
Die Produkte sind, nach allem was ich so gehört habe, durchweg gut bis sehr gut, sowohl die älteren wie auch die neuen.
Kat taucht immer mal wieder aus der Versenkung auf, und leider stets kontrovers, von hä?! bis HimmelArschundWolkenbruch: Beziehungen mit seltsamen Männern, dann Impfgeschiss um ihr Kind mit Leafar Seyer (seine Mutti, Mrs. Reyes, nennt ihn Rafael, aber das war nicht *special* genug. Der ganze Typ ist absolut lächerlich.), was angesichts ihres schnellen Zurückruderns durchaus auch ein PR-Stunt gewesen sein könnte, dann wurde sie plötzlich zur braven Christin und ließ große Teile ihrer Tattoos überstechen, immer begleitet von viel Palaver.
Man darf gespannt sein, was als nächstes kommt.