Sonntag, 12. Juli 2026

Die heitere Bullshit-Parade: Pflege

 Haarpflege ist ein unheimlich lukratives Geschäft: es gibt pro Hersteller und Haartyp eine absurde Anzahl an Produkten, die allesamt Haarschäden reparieren, für volles, dichtes, seidig glänzendes Haar voller Sprungkraft und Vitalität sorgen.

Zusätzlich kann der Spaß natürlich auch noch Spliss heilen, Feuchtigkeit spenden (wem?) und die Haarfarbe auffrischen.

Okay, letzteres funktioniert mit speziellen Tönungsshampoos, der Rest ist Wortgeklingel.

Kein Produkt der Welt repariert oder heilt Haarschäden - Spliss und eine kaputte Schuppenschicht können durch Silikone optisch "gekittet" werden, aber das ist weder heil noch dauerhaft.

Nix gegen Silikone. Die können kaputte Längen und Spitzen durchaus optisch schöner und tatsächlich auch besser händelbar machen, bis man die Schäden nach und nach wegtrimmt. 

Auch der plastikartige Glanz, den viele Spezialprodukte bringen, liegt oft an Silikonen. 

Erkennbar sind diese in den INCIs an den Endungen -cone und -conol.

Schlimm, böse und haarschädigend sind Silikone nicht - sie pflegen aber auch nicht und legen einfach eine dünne Schicht um jedes Haar. Das Haar sieht dadurch "gesünder" aus, ist aber nach wie vor beschädigt.  

Wer das im Hinterkopf behält und Glanz nicht mit Pflege verwechselt, kann mit Silikonen plus Pflege durchaus eine anständige Pflegeroutine für beschädigtes Haar aufbauen.

Ein weiterer geschasster Inhaltsstoff sind Mineralölprodukte wie Vaseline.

Vaseline oder Pomade pur auf Stroh macht die Schäden weder besser noch schlimmer. Vaseline/Pomade bildet eine dichte Schicht, die Feuchtigkeit abhalten kann - oder einschließen. 

Für grobes, glattes Haar wie meines funktioniert eine Art LOC, eine Pflegemethode, die wir dem Natural Hair Movement verdanken; mit natural hair ist hier ungeglättetes Haar afrikanischstämmiger Menschen gemeint, und die Bewegung stammt ursprünglich aus den USA.

LOC ist eine sehr reichhaltige Geschichte, die vermutlich nichts für feines, seidiges Haar ist, für Locken und grobes, dickes Haar ist es einen Versuch wert.

Das Kürzel steht für Liquid, Oil, Cream.

Also wird erst ein flüssiger Pflegestoff (z. B. Wasser oder ein Hydrolat) im Haar verteilt, dann eine kleine Menge pflegendes Öl, darüber eine pflegende und die Feuchtigkeit umschließende Creme, die durchaus auch eine leichte Pomade sein kann. Die letzte Komponente wirkt hier okklusiv, das heißt, sie schließt die Feuchtigkeit und das Öl ein und lässt sie lsngsamer verdunsten. 

In europäischem und asiatischem Nudelhaar sieht das offen getragen eventuell strähnig aus, lässt sich aber gut in Flecht- oder Hochsteckfrisuren verbauen. 

Alsoooo: weder Erdölprodukte noch Silikone sind an sich pflegend, können aber hilfreich sein.

Wenig hilfreich sind dagegen 0815-Produkte, die zwecks Ettikettenkosmetik eine Winzigkeit des grade modischsten Wirkstoffs haben, aber riesig "mit Snake oil-Wirkkomplex, Knoblauchremoulade und Alpakakackachackalacka" auf die Flasche schreiben... dazu frage man sich: was ist das überhaupt für'n Wirkstoff? Ist die Wirksamkeit erwiesen? Ist genug von dem Zeug drin, um wirksam zu sein? Und brauche ich das eigentlich?

Meistens lautet die Antwort NEIN (beziehungsweise häää?, keine Ahnung, nö und nein, aber mir ist langweilig, die Flasche ust hübsch und es kostet nur 3 Euro).

Dazu kommen dann zig Produkte mit der neuen Wirkstoffkombi je Hersteller: Shampoo, Spülung, Kur, Miracle water, Leave-In, eventuell noch eine Pre-wash-Geschichte, ein Hitzeschutzprodukt, ein Finishing Spray und eine pflegende Stylingcream... und bei einem erstaunlich großen Teil dieser Produkte habe ich keine Ahnung, warum ich sie brauchen sollte 😬

Was - für mich und meine glatten, groben und fettigen Haare - Sinn macht, sind gut reinigende Shampoos ohne zuviel Chichi, ein ordentlicher Conditioner, gelegentlich eine anständige Haarkur und da ich gefärbte Haare habe, finde ich die Hair Glosses ganz nett, die eigentlich Direktziehertönungen sind. Und ein Leave-In ab und an ist nett.

Das alles ist, in anständiger Qualität, für pi mal Daumen nen Zwanni zu haben, wer Balea oder Isana kauft, kommt noch günstiger weg.

Man braucht nicht unbedingt ganze Produktlinien, und teuer ist nicht unbedingt besser als günstig - auch die Drogerie- und Discountereigenmarken sind einen Blick aufs Etikett wert, und wenn ihr eine Action-Filiale um die Ecke habt: die Produkte sind oft erschreckend gut formuliert, die Inecto-Shampoos und -condis sind immer großartig.

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